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Bericht von der Mitgliederversammlung 2015 in Freiburg

Es hatte etwas von einer Einweihung, als die gut 50 Teilnehmer am Freitagnachmittag in den Räumen der Werkstätte Freiburger Orgelbau in March-Hugstetten eintrafen. Das Anwesen der ehemaligen Zigarrenfabrik mit stattlichem Wohnhaus und verzweigten Produktionsräumen bot ein stilvolles Ambiente für den Auftakt der diesjährigen Mitgliederversammlung des BDO. Gerade rechtzeitig war die Renovierung nach dem Werkstattbrand vom Oktober 2013 abgeschlossen, so dass die Herren Hartwig und Tilmann Späth die Gäste im freundlich gestalteten Bürotrakt empfangen konnten. Marchs in diesem Jahr neu gewählter Bürgermeister Helmut Mursa begrüßte die aus ganz Deutschland angereisten Orgelbauer. Auch Pfarrer Karl-Heinz Kläger, der erst ein paar Tage zuvor als Leiter der Seelsorgeeinheit von acht Ortsteilen hierher gekommen war, ließ sich das Erlebnis nicht entgehen: Er zeigte sichtlich Interesse und Freude am geballten Fachwissen über die Instrumente „seiner“ Liturgie. Lokalpresse und Rundfunk widmeten dem Ereignis gleichfalls angemessene Aufmerksamkeit.

Mit fachlichen Details und den dazugehörigen Diskussionen ging es dann auch gleich ordentlich zur Sache: Im kleinen Montagesaal war die zweimanualige Orgel à la Cavaillé-Coll für Podolsk bei Moskau aufgebaut und mit rund der Hälfte ihrer Register spielbar. Marius Mack, Kantor im nahen Sulzburg, führte das bereits in der Werkstatt-Akustik klangvolle Werk mit Literatur der Romantik vor. Reiner Janke erläuterte vor allem an Einzelheiten von Spieltraktur und Windführung, dass es sich eben nicht um eine Kopie, sondern um eine Weiterentwicklung und Interpretation der Konzepte Aristide Cavaillé-Colls handle. Parallel dazu wurden die weitläufigen Räume der Werkstatt besichtigt, in deren bodenständiger und zugleich offener Atmosphäre die Kollegen reichlich Gelegenheit zum Austausch hatten.

Ein weiterer Höhepunkt des Jahrestreffens war das abendliche Exklusivkonzert des eben noch amtierenden Domorganisten Gerhard Gnann. Zuvor hieß Dompfarrer Wolfgang Gaber, selbst begeisterter und begnadeter Organist, die Besucher mit sehr persönlichen und herzlichen Worten willkommen. Im dezent-stimmungsvoll illuminierten Münster konnte man sich sodann frei bewegen und staunen, wie gut sich die vier so unterschiedlich konzipierten Orgeln zu unterhalten verstehen. Das setzt freilich voraus, dass einer am Werk ist, der mit diesen Gegebenheiten souverän und dennoch locker umzugehen, eben zu spielen, versteht. Mit einer bisweilen augenzwinkernden Mélange aus Literatur und Improvisation kredenzte Gnann ein ausgiebiges, durchkomponiertes und für das Fachpublikum maßgeschneidertes Hörvergnügen. Auf das denkwürdige Konzert folgte ein nicht minder intensives Gespräch am neuen von Orgelbau Klais gelieferten Zentralspieltisch, dessen Finessen wie Crescendo-Limiter und Liturgische Setzer eingehend erläuterte und leidenschaftlich diskutiert wurden. Freimütig gestand der versierte Orgelprofessor, dass auch in ihm zwei musikalische bzw. musikantische Seelen wohnen und kämpfen: die des liturgischen Praktikers an einer Kathedrale und die des Konzert-Interpreten. Damit war man bei einem der derzeit wohl heißesten Themen angekommen: der Balance zwischen sinnvollen und überflüssigen technischen Möglichkeiten – nicht nur an Großorgeln.

Selten ist es einem Verband gegönnt, die Regularien einer Mitgliederversammlung in fachlich exakt passender Umgebung abhalten zu können. Der Orgelbauersaal im traditionellen Orgelbauer-Städtchen Waldkirch war hierfür ein geradezu traumhafter Ort, an dem sich Nostalgie und Zukunftsmusik begegnen. Drehorgeln, Orchestrions und andere Musikapparate umrahmten optisch und akustisch das Routineprogramm der Jahresversammlung. Heinz Jäger und Wolfgang Brommer von der angrenzenden Werkstätte Waldkircher Orgelbau reicherten ihre Begrüßung launig mit Lokalkolorit an und berichteten über die Waldkircher Orgelstiftung und das im Aufbau befindliche Archiv. Bis dato sind in den Räumen Nachlässe von Bernd Sulzmann, Karl Bormann, Hans Nadler und Hermann Brommer gelagert und dank des großen Engagements von Klaus Person zu weiten Teilen erschlossen.

Die Jahres-Hauptversammlung verlief konzentriert und in angemessenem Zeitrahmen, einschließlich der Wahlen. Die wohlverdiente Mittagspause verschönerte Adrian Oswalt mit Kostproben aus seiner kreativen Arbeit mit technik-basierter Drehorgelmusik. Damit ist es zum Beispiel möglich, aus den Ansprachegeräuschen von Orgelpfeifen bislang ungehörte Klänge nach Art der minimal music zu erzeugen. Auch Oswalts stets knappe, aber originelle Arrangements großer Werke der Musikliteratur für den begrenzten Tonvorrat mechanischer Instrumente fanden großen Beifall; ein phantasievoller und versierter Theatermusiker kann eben auch eine üppig besetzte Opernszene gut zwei Dutzend Töne eindampfen. Wolfgang Brommer konnte zudem mit einer Neuigkeit aufwarten: mit dem Konzept europäischer und deutscher Orgelstraßen, das dem Instrument neue Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit vermitteln wird. Als einer der ersten Meilensteine wird im kommenden Jahr die Kunst-Orgel / organum XXI im C. I. P. Marmoutier, Point d’orgue eingeweiht. C. I. P. steht für Centre d’interpétation de patrimoine und bindet die Orgel in ein System ein, in dem Kulturgüter Frankreichs in speziellen Einrichtungen zeitgemäß präsentiert werden. Aus baupolizeilichen Gründen war es nicht möglich, wie vorgesehen, das originelle Instrument an Ort und Stelle zu besichtigen.

Dafür entschädigte ein Besuch in der Evangelischen Paul-Gerhardt-Kirche im Stadtteil Kollnau. Die 2013 von Waldkircher Orgelbau fertig gestellte Orgel bezieht auch Teile des Vorgänger-Instruments über dem Altar ein. So verfügt der kleine, akustisch trockene Zeltbau aus den 1960er-Jahren über eine Doppel-Orgel, die der junge Organist Christoph Mutterer aus Bad Krozingen mit einer Literaturauswahl und eigenen Werken vorstellte. – Auch in der Werkstätte von Jäger & Brommer gab es viel zu sehen, unter anderem eine Brüstungsorgel für die Evangelische Kirche in Renchen oder die mehrfach gekröpften Holzpfeifen für den „Donner“ in Marmoutier.

Nach den vielen Wohlklängen genoss man im Weingut Nopper unter fachkundiger Anleitung edle Tropfen von den Rebhängen des Waldkircher Stadtteils Buchholz. Die Zusammenarbeit von Orgel- und Weinbau erhielt neue Impulse, indem für den Image-Film des Hauses wohl intonierte Pfeifenklänge erwogen wurden. Sie könnten wiederum durch die Wirkung der Gärpfeife eine besondere Note erhalten. Mit einem gemeinsamen Abendessen im Großen Mayerhof in Freiburgs Altstadt klang das Jahrestreffen bei anregenden Gesprächen aus.

Den beiden Gastgebern, Freiburger Orgelbau Hartwig und Tilmann Späth sowie Waldkircher Orgelbau Jäger & Brommer sei dafür gedankt, dass sie neben dem aufwendigen „Tagesgeschäft“ Zeit und Kraft fanden, diese Versammlung zu einer kleinen, aber erlebnisreichen Tagung zu machen. Nicht zu vergessen sind auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Partyhaus Kopf (Hugstetten) und Partyservice Andris (Waldkirch), die uns stets mit regionalen und saisonalen Köstlichkeiten wie frischem Zwiebelkuchen bestens versorgten.

Freiburg 18./19.September 2015 - Markus Zimmermann

Empfang bei Orgelbau SpäthExklusivkonzert mit Domorganist Gerhard GnannWolfgang Brommer präsentiert die Instrumente im OrgelbaumuseumAdrian Oswalt - Drehorgelmusik einmal anders
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