Bund Deutscher Orgelbaumeister e.V.

Bericht: 125 Jahre BDO - Das Jubiläum

Berliner Luft - 125 Jahre Bund Deutscher Orgelbaumeister e. V.

Als Heinrich Bolten-Baekers vor gut hundert Jahren das Lied von der Berliner Luft für eine längst vergessene Operette schrieb, dachte er gewiss nicht daran, dass dieses Element auch durch Orgelpfeifen strömt und sich als „Wind“ in unterschiedlichste Klänge verwandeln lässt. Und anders als es Paul Linckes beliebter Marsch zu obigem Text vermuten lässt, feierte der Bund Deutscher Orgelbaumeister e. V. vom 14. bis zum 17. September 2016 in Berlin sein 125jähriges Bestehen nicht im Parade-Modus, sondern mit sehr differenzierten, unerwarteten Tönen.

Bereits die Auftaktveranstaltung am Mittwochabend bot Überraschendes: Die neugotische Kreuzkirche in Berlin-Kreuzberg ist als sozialer und kultureller Treffpunkt weit mehr als Gottesdienststätte. Mit ihrer zentralen Freifläche im Innenraum war sie ideal für Serge Schoonbroodts Inszenierung „Orgel & HipHop“. Anders als die Ankündigung vielleicht vermuten ließe, erwartete das Publikum nicht etwa eine wilde Show mit Rap und allerlei Gags – ganz im Gegenteil: Der Lütticher Organist, kreativer Rebell seiner Zunft, agierte diesmal zusammen mit den vier Tänzern Angela Scaduto, Alexandre Duy Nguyen, Glody Gatshuo-Emba und Dominique Schmitz. Konstanten für dieses internationale Ensemble waren teilweise bekannte Literaturstücke wie Mozarts Adagio für eine Glasharmonika oder León Boëllmanns Toccata, die Schoonbroodt mit viel Elan und Einfühlung, aber teilweise unerwarteten Registrierungen und Tempi interpretierte. Dazu zauberten die jungen Tänzer phantasievolle, bizarre Figuren, wobei sie den ganzen Raum als Spielfläche nutzten. Besonders beeindruckten die grazilen Bewegungen zu den eher ruhigen Sätzen. Eine gute Figur machte dazu die 1870 erbaute Orgel von E. & G. G. Hook, die 2001 durch das American Organ Clearing House nach Berlin vermittelt wurde. Alan Laufman und George Bozeman bauten sie am alten Standort in Woburn nahe Boston ab. Die Restaurierung und Neuaufstellung übernahm Eule Orgelbau aus Bautzen.

Zu einem Jubiläum gehört freilich auch ein Festakt, wobei die Organisatoren Magnus Windelen (Fa. Laukhuff) und seine Mitarbeiterin Jasmin Stefan mit dem so genannten Französischen Dom ein so würdiges wie ansprechendes Ambiente gefunden hatten. Der aparte Barockbau am Gendarmenmarkt ist als Hauptkirche der in Berlin angesiedelten Hugenotten errichtet und beherbergt eine Eule-Orgel von 1985. Sie konnte ihre Klangpracht à la française in allen Facetten entfalten. Angesichts des Kaiserwetters brauchte es auch etwas französischen Charme, um die gut 150 Gäste vom Empfang im Foyer und vor allem im lauschigen Innenhof in den weitläufigen geschmackvoll restaurierten Temple zu bitten. Zur Erleichterung aller hatten die Verantwortlichen aus Vorstand und Beirat des BDO auf einen bei solchen Gelegenheiten üblichen (jedoch ebenso gefürchteten) Festvortrag verzichtet. Die Feierlichkeit geriet mit überschaubaren Wortbeiträgen und Musikeinlagen kurzweilig und heiter-beschwingt.

Thomas Sauer, Organist der Hedwigs-Kathedrale, kredenzte gleich zu Beginn eine internationale Auswahl an schwungvoller, nicht eben alltäglicher Literatur: Abe Holzmann, Leroy Andersen und Frigyes Hidas. In launigen Worten begrüßte Thomas Jann als Vorsitzender des Bundes Deutscher Orgelbaumeister die illustre Versammlung wie es sich in dieser Stadt gehört mit einer gehörigen Portion Berliner Schnauze. Die ist bekanntlich nicht etwa ordinär, sondern vielmehr liebevoll treffsicher. So beantwortete Jann die oft bange Frage nach dem Wohin der Orgel mit der eindeutigen Prognose, dass diese auch in Zukunft Pfeifen haben wird. – Dazu passte doch ideal eine weitere Tanzeinlage mit Dominique Schmitz zu Improvisationen von Serge Schoonbroodt.

Der Ehrenvorsitzende des BDO Hans Gerd Klais (86) konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich am Fest teilnehmen, was er aber leidenschaftlich gerne getan hätte. Das ließ jedenfalls sein überaus authentischer, analytischer, dennoch warmherzig-humorvoller Beitrag erkennen, den sein Sohn, Philipp C. A. Klais, verlas. Wichtigste Botschaft: Orgeln sind nicht teuer, sondern kostbar – mögen sie als Kostbarkeiten auch weiterhin geachtet bleiben! – Mit kraftvollen Klängen von François Couperin sowie nachdenklich stimmenden neueren Liedbearbeitungen von Nobert Linke gelang Hausorganist Kilian Nauhaus die perfekte Antwort.

In poetische Gefilde führte Dr. Hinrich Claussen, Repräsentant der Evangelischen Kirche Deutschlands, mit seiner Meditation über das Gedicht „Kurze Pause im Orgelkonzert“ von Tomas Tranströmer. Der hierzulande wenig bekannte schwedische Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 2011 skizziert darin jene Assoziationen, die sich zwischen den Tönen, angeregt durch Orgelklängen einstellen – ein Moment, das in Klangfülle und Klangrausch mitunter zu kurz kommt. – Experimentelles bot dazu das Duo Stefan Horz und Roger Hanschel mit Orgel und Saxophon: erstaunlich dabei, wie phantasievoll sich die geschmeidigen Töne des Saxophons mit den angeblich starren der Orgel verbinden. Als Vertreter der Katholischen Kirche steuerte Prof. Dr. Wolfgang Bretschneider aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung einige Anekdoten zum Thema bei, gefolgt vom zweiten Teil der zuvor begonnenen ausgedehnten Komposition „Change follows vision“. – Grüße und Glückwünsche der Gesellschaft der Orgelfreunde e. V. (GdO) überbrachter deren Vizepräsident Willi Frank.

Man mochte es kaum glauben: Aber es waren fast zwei Stunden vergangen. Niemand hatte seine Rede- bzw. Spielzeit unangenehm überstrapaziert. Vielmehr bot diese Form des Festakts eine Fülle an Facetten zum Thema Orgeln, wie sie in so kurzer Zeit sonst kaum zu erleben ist. Beim abendlichen Festbankett im „Refugium“ gab es reichlich Gelegenheit zum Austausch und für neue Kontakte. In der lauen Spätsommernacht soll dies einigen Teilnehmern in bemerkenswerter Ausführlichkeit gelungen sein…

Eine Spreerundfahrt begeisterte all diejenigen, die nicht an der Mitgliederversammlung teilnahmen. In dieses Begleiterprogramm war auch eine Besichtigung der Reichstagskuppel eingebaut. Der insgesamt entspannte Zeitplan erlaubte es auch, Berlin auf eigene Faust, vor allem entlang seiner hübschen und stillen Wasserwege, kennen und schätzen zu lernen. Doch stellte sich auch die Frage, wo denn der legendäre Goldene Berliner Bär zu Hause sei. Das Rätsel wurde durch eine Stummfilmvorführung im Kino „Babylon“ gelüftet, das samt Ausstattung und Multiplex-Orgel der Firma Johann Daniel Philipps & Söhne (1929) erstaunlicherweise erhalten ist. Dagobert Liers und H.-J. Eichberg haben das desolate Instrument restauriert und wieder voll funktionsfähig eingerichtet. So konnte die russische Spezialistin Anna Vavilkina alle 66 Register und sämtliche nur denkbaren Effekte ziehen, um den in Scherenschnitt-Technik gefertigten Film „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ spontan und ungemein phantasievoll zu kommentieren. Man fragt sich, welche Kunst die höhere ist: Aus abertausenden Schnittbildern mit einfachsten technischen Mitteln eine plausible Bewegungsfolge zu kreieren oder diese mit der komplexen Technik einer Kino-Orgel musikalisch lebendig zu machen.

Nicht minder kunstvoll und inzwischen ebenso legendär ist die Improvisationskunst von Wolfgang Seifen, Titularorganist an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. An der klangschönen Klais-Orgel (1977) in der Hedwigskathedrale begeisterte er die Zuhörer beim offiziellen Abschlusskonzert mit mustergültigen und dazu spritzigen Neuschöpfungen bewährter Stilmodelle: klassisch französische Suite, barockes Choraltrio, Sinfonik nach Art deutscher und französischer Romantik. Mit deutlichem Augenzwinkern mischte Seifen verschiedene Stile in den abschließenden Variationen zum Thema „Guten Abend, gute Nacht“.

Am Samstag öffneten die Berliner Orgelbauwerkstatt und die Werkstatt Alexander Schuke im nahen Werder ihre Türen. Des Weiteren wurden die Orgeln der Pauluskirche in Zehlendorf vorgeführt: die Bach-Orgel in Anlehnung an mitteldeutsche Vorbilder des 18. Jahrhunderts von Rowan West und die Große Orgel mit französisch-symphonischer Ausrichtung aus der Berliner Orgelbauwerkstatt Karl Schuke, beide 2013 errichtet. Eine Reihe von Orgelkonzerten in und um Berlin war ins ausführliche Programmheft aufgenommen worden, das auch einen Beitrag zur Geschichte des BDO enthält.

Schade war, dass vor allem die politische Klasse durch Abwesenheit glänzte, was nicht nur mit dem Wahlkampf zu entschuldigen ist. Aber auch diese Luft-Nummer ist wohl molekularer Bestandteil der eingangs erwähnten Berliner Luft. Die Anwesenden ließen sich dadurch die Laune nicht verderben. Wer nicht da war, hatte ein klangfarben-frohes Festival der Orgel verpasst.

Besonders interessiert und neugierig waren eine 70köpfige Schülergruppe aus der Mittelstufe und rund 30 Kinder im Vorschulalter. Der BDO hatte nämlich pädagogischen Einrichtungen altersgerechte Präsentationen angeboten und diese mit reichlich Personal besetzt. Es war faszinierend zu beobachten, wie die Vier- bis Fünfjährigen zweimal 45 Minuten lang gespannt lauschten und eifrig als „Menschenorgel“ sowie an der großen Kirchenorgel von St. Ludwig in Wilmersdorf probierten, unterstützt von Kantor Norbert Gembaczka, der auf diese Weise seine Fähigkeiten als Orgellehrer neu zu entdecken schien. Und eine Horde Siebtklässler für die Orgel zu sensibilisieren und zu guten Fragen zu verleiten, ist ebenfalls ein hoffnungsvolles Zeichen. Da ist die Luft noch lange nicht raus. So wünschen wir künftigen Freunden der Orgel einen langen Atem und viel Freude beim Entdecken!

Markus Zimmermann
Sekretariat des BDO e.V.

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